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Rede anlässlich des Volkstrauertages

auf dem Ehrenfriedhof in Euskirchen am 15.11.2015



Herr Brigadegeneral Brunner,
Herr Landrat Rosenke,
Frau stellvertretende Bürgermeisterin Loeb,
Herr Beigeordneter Winckler,
Herr Polizeidirektor Außem
Liebe Schüler,
Meine Damen und Herren,
wir haben uns hier in Euskirchen auf dem Ehrenfriedhof versammelt, um der Opfer von Krieg und Gewalt zu gedenken. So wie dies an vielen Orten in unserem Land geschieht. Einmal im Jahr.

Im Zuge der Vorbereitung dieses Termins hat mich mein Bundestagskollege Ansgar Heveling auf Feldpostbriefe von Soldaten des II. Weltkrieges hingewiesen, die mich sehr beeindruckt haben. In einem dieser Briefe eines deutschen Soldaten an seine Ehefrau heißt es:

„Hannes hat mich heute Morgen auf dem Gefechtsstand dazu überredet, doch an Dich zu schreiben. Ich habe mich seit einer Woche um diesen Brief herumgedrückt und immer gedacht, dass die Ungewissheit zwar qualvoll sei, aber immer noch einen Hoffnungsschimmer enthalte. So dachte ich auch über den Ausgang meines eigenen Schicksals nach und nahm täglich die Ungewissheit unserer Lage, die zwischen Hilfe und Untergang schwebte, mit in den Schlaf. Und ich bemühte mich auch nicht, das Zweifelhafte endgültig zu klären. Vielleicht aus Feigheit. Ich hätte dreimal unter der Erde liegen können, aber das wäre dann immer unvorbereitet gewesen - urplötzlich und überraschend. Jetzt ist es anders geworden: seit heute Morgen weiß ich Bescheid und weil mir so freier ist, sollst Du auch von der bangen Ungewissheit befreit sein. Ich war entsetzt, als ich die Karte sah. Wir sind ganz allein, ohne Hilfe von außen. Hitler hat uns sitzen lassen. Dieser Brief geht noch ab, wenn der Flugplatz noch in unserem Besitz ist. Wir liegen im Norden der Stadt. Die Männer meiner Batterie ahnen es auch, aber sie wissen es nicht so genau wie ich. So also sieht das Ende aus. In Gefangenschaft gehen Hannes und ich nicht. Ich habe gestern vier Mann gesehen, die von den Russen gefangen genommen wurden, nachdem unsere Infanterie wieder den Stützpunkt genommen hatte. Nein, in Gefangenschaft gehen wir nicht. Wenn Stalingrad gefallen ist, wirst Du es hören und lesen, und Du weißt dann, dass ich nicht wiederkehre.“ In dem Brief eines anderen Soldaten an seine Ehefrau heißt es: „Ich habe Dein Bild noch einmal zur Hand genommen und es lange betrachtet. In meiner Erinnerung steht das gemeinsame Erlebnis an den schönen Sommerabend des letzten Friedensjahres, als wir durch das Blütental in unserem Hause gingen. Als wir uns zum ersten Mal fanden, sprach aus uns nur die Stimme der Herzen, später die Stimme der Liebe und die des Glückes. Wir sprachen von uns und von der Zukunft, die wie ein farbenfroher Teppich vor uns lag. Dieser farbenfrohe Teppich ist nicht mehr. Der Sommerabend ist nicht mehr und auch nicht das Blütental, und wir sind nicht mehr zusammen. An die Stelle des bunten Teppichs ist ein endloses weißes Feld getreten. Es ist kein Sommer mehr, sondern Winter und es gibt keine Zukunft mehr. Wenigstens nicht für mich, damit zwangsläufig auch nicht für Dich. Ich habe die ganze Zeit ein unerklärliches Gefühl gehabt und wusste nicht was es war. Aber heute weiß ich, dass es die Angst um Dich gewesen ist. Ich empfand über die vielen tausend Kilometer, wie Du ähnlich zu mir standest. Wenn Du diesen Brief erhältst, dann lausche tief in ihn hinein, vielleicht hörst Du dann dabei meine Stimme. Man sagt uns, dass unser Kampf für Deutschland sei, aber es sind nur wenige hier, die glauben, dass unserer Heimat das sinnlose Opfer von Nutzen sein kann…“ Beide Soldaten, die diese Zeilen schrieben, sind kurze Zeit später im sogenannten Kessel von Stalingrad gefallen.

Meine Damen und Herren,
im I. Weltkrieg verloren ca. 9 ½ Millionen Soldaten und 8 Millionen Zivilisten ihr Leben. Der II. Weltkrieg forderte rund 54 Millionen menschliche Opfer, 25 Millionen Soldaten und 29 Millionen Zivilisten. Das Leid wird aber erst durch die Betrachtung von Einzelschicksalen deutlich. Die Briefe der beiden Soldaten sind zeitgeschichtliche Dokumente, die das Leid der betroffenen Menschen, ihre Sorgen und Ängste bemerkenswert verdeutlichen.

Der Volkstrauertag wurde auf Vorschlag des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zunächst als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des I. Weltkrieges vorgeschlagen und erstmals im Jahr 1926 begangen. Während der Herrschaft der nationalsozialistischen Regierung wurde der Gedenktag als Heldengedenktag missbraucht. Die ursprüngliche Tradition des Volkstrauertages wurde im Jahr 1948 wieder aufgenommen. Heute ist dieser Tag nicht nur ein Gedenktag für alle Opfer der beiden Weltkriege, sondern mahnt jedes Jahr aufs Neue, dass Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit keine Selbstverständlichkeit sind und wir uns alle – jeder an seiner Stelle – hierfür einsetzen müssen. Hier in Euskirchen sind über 600 Gräber aus dem I. und II Weltkrieg betroffen, darunter auch Gräber von unbekannten russischen und polnischen Soldaten.

Wir gedenken heute derer, die Opfer von Gewalt und Krieg wurden, Kinder, Frauen und Männer. So denken wir auch an die 425 Todesopfer von Euskirchen als Folge von über 4360 Bombenabwürfen im II. Weltkrieg. Wir gedenken der Soldaten und Zivilisten, die in den Weltkriegen oder sonstigen bewaffneten Konflikten umkamen oder in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren haben. Wir gedenken der Opfer der Kriege und Bürgerkriege der Gegenwart und der Opfer des Terrorismus. Denken wir an die Opfer der Terroranschläge von New York, Madrid, London und Paris im Verlag Charlie Hebdo, denken wir an die vielen Einzelopfer terroristischer Banden wie des Boko Haram in Nigeria oder des IS in Syrien und im Irak. Denken wir an die Opfer der jüngsten Terroranschläge in Paris. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen und Freunden der Opfer. Die Anschläge haben uns nochmals deutlich vor Augen geführt, wie rücksichtslos Menschen sein können, die in ihrer Verblendung der Meinung sind, dass ihr Verhalten von ihrer Religion getragen wird. Dennoch müssen wir hinterfragen, ob Sicherheit und Freiheit zur Zeit im richtigen Verhältnis stehen. Ohne Sicherheit gibt es nämlich keine Freiheit. In jedem Fall müssen wir Europäer und insbesondere die Franzosen besonnen handeln.

In jedem Fall ist bei der Sicherung der EU-Außengrenzen, d.h. bei der lückenlosen Feststellung der Identität deutlich nachzubessern. Auch die Ermittlungs- und Handlungsbefugnisse und die Personalstärke der Polizei sind angemessen zu erhöhen. Das wissen wir aber nicht erst seit den jüngsten Attentaten. Wichtig ist es auch, durch geeignete Bildungs- und Berufsangebote zu verhindern, dass junge Menschen durch verblendete Islamisten, wie Salafisten, radikalisiert werden. Dies ist eine der wichtigsten Aufgaben der Integration. Die Europäische Union sollte in der Bekämpfung des internationalen Terrorismus eine aktivere Rolle einnehmen. Ich denke hier an eine Europäische Spezialeinheit, die im Rahmen von NATO- und UN-Mandaten zur Anti-Terrorbekämpfung eingesetzt wird. Wir gedenken heute auch derer, die verfolgt oder getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren, weil sie homosexuell waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert eingestuft wurde. Wir gedenken der Zwangsarbeiter, die ermordet wurden. Denken wir an die Zwangsarbeiter, die während des 2. Weltkrieges bei Satzvey ermordet wurden. Denken wir an weitere fünf Zwangsarbeiter, die kurz vor Kriegsende bei Mühlheim-Wichterich von der Gestapo erschossen wurden. Wir gedenken heute auch der mutigen Menschen, die ihr Leben verloren haben, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben und der Menschen, die gestorben sind, weil sie eine andere politische Überzeugung hatten oder an ihrem Glauben festhielten. Wir denken an Willi Graf, nach dem die Willi-Graf-Realschule benannt ist. An dieser Stelle bedanke ich mich bei dem Orchester der Willi-Graf-Realschule unter Leitung von Herrn Poth für die heutigen Musikvorträge. Willi Graf, in Euskirchen-Kuchenheim geboren, war Mitglied der Widerstandbewegung „Weiße Rose“. Willi Graf, ein gläubiger Christ wurde am 12. Oktober 1943 wegen seines gewaltfreien Widerstandes im Alter von 25 Jahren hingerichtet. Wir denken an den Euskirchener Arzt Dr. Hugo Oster, ein Mensch jüdischen Glaubens. Ihm wurde die Zulassung als Arzt entzogen, dann wurde er deportiert und im Jahr 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Im Jahr 1933 lebten in Euskirchen 231 jüdische Mitbürger, bei Ende des II. Weltkrieges kein einziger mehr, die meisten wurden ermordet. Wir trauern heute auch um die Bundeswehrsoldaten und Angehörige der Bundespolizei sowie andere Einsatzkräfte und zivile Helfer, die bei Auslandseinsätzen ihr Leben verloren.

Meine Damen und Herren, die unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte dienen als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. So formuliert es Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Überall da, wo die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, wo Menschenrechte nicht geachtet werden und keine rechtsstaatlichen Verfahren gelten, besteht der Nährboden für Rücksichtslosigkeit, Korruption und bewaffnete Konflikte. Fast alle bewaffneten Konflikte sind auf Neid, Habgier, übersteigertes Geltungsbewusstsein, Größenwahn, rücksichtsloses Machtstreben, Ressourcenausbeutung oder politische und religiöse Verblendung zurückzuführen. Solange es Menschen gibt, werden wir diese negativen Eigenschaften sicherlich nicht gänzlich verhindern können. Deutschland und Europa stehen aber in der Verantwortung, hierfür ihren bestmöglichen Beitrag zu leisten.

Wussten Sie, dass weltweit täglich über 20.000 Menschen an Hunger sterben, alle vier Sekunden ein Mensch? Wussten Sie, dass die meisten Menschen auf der Welt weniger als das absolute Existenzminimum von zur Zeit 1,90 USD täglich zur Verfügung haben? Wussten Sie, dass in über 90 Staaten Menschen ohne Anklage oder Gerichtsverhandlung dauerhaft zu Unrecht eingesperrt werden? Wussten Sie, dass in rund 80 Staaten Menschen während ihrer Haft von Sicherheitskräften gefoltert oder misshandelt werden? In beindruckender Weise können wir beispielhaft an dem aktuellen Flüchtlingszustrom nach Deutschland erkennen, dass die Welt aus den Fugen geraten ist und nicht im Gleichgewicht steht. Die Bedrohung von Menschen durch bewaffnete Konflikte, durch Verfolgung aber auch durch schwierige Lebensverhältnisse in den Herkunftsländern, hat dazu geführt, dass weltweit über 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Nicht zuletzt auch aus eigenem deutschen und europäischen Interesse müssen wir geeignete Maßnahmen fördern, um die Fluchtursachen zu bekämpfen und die Lebensbedingungen der Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern, aber auch in Drittländern, wo sich aufhalten, deutlich zu verbessern. In der Flüchtlingskrise gibt es einige, die fordern, die Grenzen dicht zu machen und die Flüchtlinge zurückzuschicken. Aber meine Damen und Herren, ist mit der hermetischen Abriegelung von Grenzen in Europa irgendein Problem gelöst? Natürlich müssen wir die Leistungsfähigkeit und Integrationsfähigkeit unseres Landes berücksichtigen. Dies kann aber nicht in einer kaltherzigen Weise zu Lasten des Schutzes der tatsächlich Verfolgten gehen. Und meine Damen und Herren, welche Auswirkungen würde es denn haben, wenn Deutschland seine Grenzen sofort schließen würde – unabhängig davon, dass dies rechtlich unzulässig ist. Es würde auf der Fluchtroute ein Rückstau entstehen, insbesondere in den Balkanländern. Wir wissen, dass bereits bei den aktuellen Problemen der Flüchtlingsströme erhebliche Spannungen zwischen Balkanstaaten entstanden sind. Niemand kann ausschließen, dass alte Feindschaften in einer großen Krise wieder neu entfachen und zu gewaltsam ausgetragenen Konflikten führen – und dies mitten in Europa. Bei der Flüchtlingskrise handelt es sich jedenfalls um ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig es ist, national und international einen kühlen Kopf zu bewahren, um die richtigen Entscheidungen zu treffen – gerade auch um neue bewaffnete Konflikte zu vermeiden. Und gerade hier können die Opfer von Gewalt eine mahnende Orientierungshilfe geben. Ich danke dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ausdrücklich für sein Engagement und die Durchführung des Volkstrauertages. Das Gedenken an die Opfer und die damit verbundene Aufforderung, den Frieden zu wahren, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Danke, dass Sie alle durch Ihre Teilnahme und Mitwirkung der heutigen Veranstaltung den gebührenden Rahmen verleihen.

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