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Ansprache bei der Gedenkfeier auf dem Ehrenfriedhof

in Euskirchen am Volkstrauertag am 14.11.2010



Euskirchen am 20. Juni 1940:
Elf Bomben fallen im Bereich Kessenicher Straße, es stirbt Wilhelm Endermann.

Euskirchen am 16. Juni 1941:
Drei Bomben werden im Bereich Münstereifeler Straße abgeworfen, es sterben Maria Bestgen, Adelheid Bestgen und Josef Vey.

Euskirchen am 29. September 1944:
365 Bomben werden auf Euskirchen abgeworfen: es sterben 65 Menschen,
darunter Anton und Katharina Steffens, Anna, Hedwig und Maria Kneifel, Ewald Köntgen, Franz Forg, Hermann-Josef Krings, Heinrich Limbach, Magdalena und Margaretha Entzenroth, Hermann Hartig.

Euskirchen am 10. Februar 1945, kurz vor dem Ende des II. Weltkrieges:
Es fallen 48 Bomben auf die Bergerstraße, den Annaturmplatz und die Kessenicher Straße mit 13 Todesopfern.

Euskirchen im Mai 1945:
Die Bilanz der Bombenabwürfe der Alliierten: insgesamt 4630 Bombenabwürfe auf Euskirchen mit 425 Todesopfern.

Sehr geehrter Herr Brigadegeneral Schmidt-Bleker,
Sehr geehrter Herr Brigadegeneral Heinrichs,

wir haben uns heute hier versammelt, um der Opfer von Gewalt und Krieg, Kinder, Frauen und Männer, zu gedenken.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen oder sonstigen bewaffneten Konflikten umkamen oder in Gefangenschaft, als Vertriebene oder Flüchtlinge ihr Leben gelassen haben.

Wir gedenken derer, die verfolgt oder getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, eine andere ethnische Herkunft hatten oder deren Leben aufgrund einer Krankheit oder Behinderung als "lebensunwert" bezeichnet wurde.

Wir gedenken der mutigen Menschen, die ihr Leben verloren haben, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben und den Menschen, die gestorben sind, weil sie eine andere politische Überzeugung hatten oder an ihrem Glauben festhielten.

Hier einige regionale Beispiele:

Der gebürtige Kuchenheimer Willi Graf.
Willi Graf war Mitglied der Widerstandsbewegung "Weiße Rose". Willi Graf , gläubiger Christ, wurde am 12. Oktober 1943 wegen seines gewaltfreien Widerstandes im Alter von 25 Jahren hingerichtet.

Willi Graf ist der Namensgeber der Willi-Graf-Realschule. An dieser Stelle bedanke ich mich recht herzlich bei dem Orchester der Willi-Graf-Realschule, Herrn Poth und den Schülern, für die Musikvorträge der heutigen Veranstaltung.

Der Euskirchener Arzt Dr. Hugo Oster.
Dr. Oster, jüdischen Glaubens, wurde zunächst die Berechtigung zur Ausübung seines Berufs entzogen, dann wurde er deportiert und wurde letztlich 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.

Im Jahr 1933 lebten in Euskirchen 231 jüdische Mitbürger. Bei Kriegsende lebte kein einziger Jude mehr in Euskirchen. Soweit nicht ausgewandert, wurden die meisten jüdischen Mitbürger von den Nazis ermordet.

Zwangsarbeiter wurden im Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat, Polen und Russland, verschleppt und im Deutschen Reich als billige Arbeitskräfte ausgenutzt.

Die ersten polnischen Kriegsgefangenen wurden bereits am 13. September 1939 - also 12 Tage nach Kriegsbeginn - nach Euskirchen verbracht für die Verwendung in Landwirtschaft und Industrie.

Viele Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter wurden unmenschlich behandelt. Einige wurden ermordet.

Mehrere Zwangsarbeiter wurden im II. Weltkrieg bei Satzvey erschossen. Dort wurde im Jahre 1953 von spielenden Kindern ein Massengrab entdeckt.

Anfang der sechziger Jahre machten wiederum spielende Kinder in einer Sandgrube von Mülheim-Wichterich einen grausigen Fund. Sie entdeckten Leichenteile von fünf Zwangsarbeitern, die durch die geheime Staatspolizei kurz vor Kriegsende ermordet wurden.

Wir gedenken heute auch der Opfer der Kriege und Bürgerkriege der Gegenwart, der Opfer des Terrorismus und der politischen Verfolgung. Auch deutsche Soldaten, Polizisten und zivile Helfer wurden in der jüngsten Vergangenheit getötet oder verwundet.

Erinnern wir uns daran, dass leidtragende bewaffneter Konflikte stets auch zivile Opfer sind.

Erinnern wir uns daran, dass viele Menschen in Deutschland und der Welt in den beiden Weltkriegen ums Leben gekommen sind, insbesondere während des vom Nazideutschland angezettelten zweiten Weltkriegs.

Die Erinnerung ist Voraussetzung, dass man die Vergangenheit sichtbar macht. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann auch für die Gegenwart und Zukunft daraus lernen.

Gerade hier liegt das besondere Verdienst des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

In 45 Staaten betreut der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge insgesamt 827 Kriegsgräberstätten mit etwa zwei Millionen Kriegstoten.

Hier in Euskirchen sind über 600 Gräber aus dem I. und II. Weltkrieg betroffen, darunter auch Gräber von unbekannten russischen und polnischen Soldaten.

Ich danke an dieser Stelle dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ausdrücklich für sein wichtiges und selbstloses Handeln, das auf Erinnerung und Mahnung gerichtet ist. Ich danke auch den Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die für die Kriegsgräberfürsorge spenden.

Nicht zuletzt danke ich den Soldaten der Bundeswehr, die sehr engagiert den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in seinem Handeln unterstützen.

Meine Damen und Herren, nachhaltige Voraussetzung für Frieden und gewaltfreie Gesellschaft sind Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie.

Für viele in Deutschland ist dies selbstverständlich. Gerade junge Menschen machen sich oft kein Bild darüber, dass Länder, wie beispielsweise Frankreich und Deutschland oder Polen und Deutschland, über eine lange Zeit Erzfeinde waren. Es trennten uns nicht nur die Staatsgrenzen, sondern die Grenzen in unseren Köpfen. Über lange Zeit hat man im anderen das Negative gesucht, anstatt das Verbindende zu fördern.

Die Einigkeit und der Zusammenhalt in der Europäischen Union sind uns nicht geschenkt, sondern das Ergebnis jahrelanger Annäherung, Verhandlungsbereitschaft und einer tief greifenden ernst gemeinten Versöhnung.

Nur der europäische Einigungsprozess und das militärische Bündnis der NATO waren in der Lage, den mittlerweile lang andauernden Frieden in Deutschland und Europa zu sichern und die Bedrohung des sogenannten kalten Krieges, als sich der Sozialistische Machtblock und die freie Welt gegenüberstanden, ohne kriegerische Auseinandersetzung in Europa zu überstehen.
So manch einer stellt sich heute mehr denn je die Sinnfrage, wofür wir überhaupt noch NATO und Bundeswehr benötigen. Auch konkrete Einsätze der Bundeswehr werden in Frage gestellt.

In Umfragen äußern sich teils breite Mehrheiten für eine möglichst zügige Beendigung des Einsatzes in Afghanistan.

Durch die Auslandseinsätze sind die fernen Kriege näher an uns herangerückt. Wir haben uns leider daran gewöhnen müssen, dass auch Soldaten der Bundeswehr im Rahmen ihrer Dienstausübung extrem gefährdet sind und im Einsatz verletzt oder sogar getötet werden können.

Ohne wenn und aber ist festzustellen, dass die Auslandseinsätze für die Soldaten und ihre Familien mit erheblichen Belastungen verbunden sind. Die Sorgen um das Wohlergehen des Ehepartners oder des Papas können die menschliche Seele aufreiben. Bei vielen dienenden Soldaten stellen sich, aufgrund der Gefahrenlage von Kampfhandlungen oder dem Verlust von Kameraden, posttraumatische Störungen ein.

Gerade diese Umstände führen dazu, dass der Bundestag, der über die Verlängerung der Auslandsmandate entscheidet, eine hohe Verantwortung trägt in seiner Entscheidung.

Viele von Ihnen kennen das Zitat des amerikanischen Dichters und Historikers Carl Sandburg:

"Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin."
Das hört sich gut an, ist aber im Ergebnis nicht zielführend.

Die Geschichte hat stets belegt, dass ein Staat sich nicht dadurch schützt und Kriege vermeidet, wenn er keine Streitkräfte unterhält und eine pazifistische Außenpolitik betreibt.

Alleine im Jahr 2009 wurden weltweit 34 Kriege und bewaffnete Konflikte ausgetragen. Tag für Tag werden Menschen in Kämpfen getötet oder verstümmelt. Tag für Tag müssen Menschen fliehen.

Leider spielen Neid, Habgier, Geltungsbewusstsein, Größenwahn, Machtstreben und politische oder religiöse Verirrung weltweit immer wieder eine Rolle bei Machthabern und diktatorischen Militärführern und in jüngster Zeit auch verstärkt bei Terroristen.

Für uns Deutsche als Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft ist es wichtig, dass wir angemessen und wirksam auf die Veränderung der Sicherheitslage reagieren.

Bei der fortgeschrittenen europäischen Integration und dem bestehenden Militärbündnis der NATO ist der Eintritt des Verteidigungsfalles, also die unmittelbare Bedrohung unseres Landes von außen, unwahrscheinlich.

Allerdings muss uns die Entwicklung des internationalen Terrorismus größte Sorge bereiten. Die Terroranschläge in New York, Madrid und London, aber auch versuchte Terroranschläge in Deutschland - ich nenne die Sprengsätze, die in Köln in Regionalzüge deponiert wurden, die Tätigkeit der sogenannten Sauerland-Gruppe - insbesondere aber die jüngst im Jemen aufgegebenen Pakete mit Sprengsätzen, zeigen, dass wir in der Sicherheitslage neue Herausforderungen zu bewältigen haben.

Sicherheitspolitik und Friedenssicherung wird in zunehmendem Maße den Einsatz in internationalen Systemen der kollektiven Sicherheit umgesetzt werden müssen.

Zur Zeit sind insgesamt 7.498 Soldaten der Bundeswehr unmittelbar bei Auslandseinsätzen eingesetzt. Sie erfüllen im Rahmen von internationalen Mandaten, insbesondere der Vereinten Nationen, wichtige Aufgaben der Friedenssicherung.

Genau hierin liegt der Einsatz in Afghanistan begründet. Neben 47 Staaten wirken Bundeswehr, Polizei und zivile Hilfsorganisationen im Rahmen eines internationalen Mandates mit, die Sicherheitslage vor Ort zu verbessern, Soldaten und Polizisten auszubilden, die nötige Infrastruktur zu schaffen, damit der Terrororganisation Al Quaida nachhaltig die Möglichkeit entzogen ist, in Afghanistan Terroristen auszubilden und ihre Terroranschläge von dort zu planen.

Die Soldaten, die durch diese Einsätze belastet sind, haben längst erkannt, dass sie eine wichtige Aufgabe wahrnehmen, die unmittelbar zur Sicherung des Weltfriedens und der Verbesserung der Sicherheitslage in Deutschland beiträgt.

Der Volkstrauertag dient insoweit nicht nur dem Gedenken an die Verstorbenen, sondern auch der Ermahnung, sich mit Vernunft und Fingerspitzengefühl aber auch wehrhaft für die Errungenschaften unserer freien Gesellschaft, insbesondere die Menschenrechte, die Demokratie und den Rechtsstaat einzusetzen.

Der Reservistenverband bringt dies auf die Formel:
"Tu was für dein Land!"

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